Heilungswunder

Von Dr. Joseph Tkach

In unserer Kultur wird das Wort Wunder oft ziemlich leichtfertig verwendet. Wenn es zum Beispiel einer Mannschaft gelingt, in der letzten Minute der Verlängerung eines Fußballspieles durch einen abgefälschten 20-Meter-Schuss überraschend das Siegtor zu schießen, so mag mancher Fernsehkommentator von einem Wunder sprechen. Wenn in einer Zirkusaufführung der Direktor einen vierfachen Wundersalto eines Artisten ankündigt, dann ist es höchst unwahrscheinlich, dass es sich hier um Wunder handelt, sondern eher um spektakuläre Unterhaltung.

Ein Wunder ist ein übernatürliches Ereignis, das über die innewohnende Fähigkeit der Natur hinausgeht, obgleich C. S. Lewis in seinem Buch Wunder darauf hinweist, dass „Wunder nicht … die Gesetze der Natur brechen.“ Wenn Gott ein Wunder vollbringt, greift er in natürliche Prozesse in einer Weise ein, wie nur er es kann.

Bedauerlicherweise haben Christen manchmal falsche Vorstellungen von Wundern. Manche sagen zum Beispiel, dass es mehr Wunder geben würde, wenn mehr Menschen Glauben hätten. Doch die Geschichte zeigt das Gegenteil – obwohl die Israeliten viele von Gott gewirkte Wunder erlebten, mangelte es ihnen an Glauben. Als weiteres Beispiel wird von manchen behauptet, dass alle Heilungen Wunder seien. Viele Heilungen passen jedoch nicht in die formale Definition über Wunder – viele Wunder sind das Ergebnis eines natürlichen Prozesses. Wenn wir uns in den Finger schneiden und wir sehen, wie er nach und nach heilt, dann ist dies ein natürlicher Prozess, den Gott dem menschlichen Körper mitgegeben hat. Der natürliche Heilungsprozess ist ein Zeichen (eine Demonstration) der Güte Gottes, unserem Schöpfer. Allerdings, wenn eine tiefe Wunde augenblicklich verheilt ist, begreifen wir, dass Gott ein Wunder vollbracht hat – er hat direkt und übernatürlich eingegriffen. In ersten Fall haben wir ein indirektes Zeichen und im zweiten ein direktes Zeichen – beide weisen auf die Güte Gottes hin.

Leider gibt es einige, die den Namen Christi missbrauchen und sogar angebliche Wunder vollbringen, um sich eine Anhängerschaft aufzubauen. Man sieht dies manchmal bei sogenannten „Heilungsgottesdiensten“. Ein solcher Missbrauch von Wunderheilungen findet sich im Neuen Testament nicht. Stattdessen geht es darin um die Anbetung Gottes, um Glaube, Hoffnung und Liebe zu Gott. Die Gläubigen vertrauen hinsichtlich ihrer Errettung auf Gott. Das ist die Botschaft des Evangeliums. Der Missbrauch von Wundern sollte jedoch unsere Wertschätzung gegenüber echten Wundern nicht schmälern.

Lassen Sie mich von einem Wunder berichten, das ich selbst bezeugen kann. Ich hatte mich den Gebeten vieler anderer angeschlossen, die für eine Frau beteten, deren bösartiger Krebs bereits einige ihrer Rippen weggefressen hatte. Sie war in medizinischer Behandlung und als sie sich hatte salben lassen, bat sie Gott um ein Heilungswunder. Das Ergebnis war, dass kein Krebs mehr festgestellt werden konnte und ihre Rippen nachwuchsen! Ihr Arzt sagte ihr, dass es ein Wunder sei und sie fortsetzen solle, was immer sie unternommen hätte. Sie erklärte ihm, dass es nicht an ihrem Tun gelegen habe, sondern, dass es Gottes Segen sei. Einige mögen behaupten, dass die medizinische Behandlung den Krebs habe verschwinden lassen und die Rippen von allein nachgewachsen seien, was durchaus möglich ist. Nur, das hätte eines längeren Zeitraums bedurft, doch ihre Rippen waren sehr schnell wiederhergestellt. Weil ihr Arzt sich die rasche Genesung „nicht erklären“ konnte, schließen wir darauf, dass Gott eingegriffen und ein Wunder vollbracht hat.

Der Glaube an Wunder ist nicht zwangsläufig wissenschaftsfeindlich und die Suche nach natürlichen Erklärungen weist ebenso nicht unbedingt auf einen Mangel an Gottesglauben hin. Wenn Wissenschaftler eine Hypothese aufstellen, dann prüfen sie, ob Fehler feststellbar sind. Wenn bei den Untersuchungen keine Fehler nachgewiesen werden können, dann spricht das für die Hypothese. Deshalb betrachten wir die Suche nach einer natürlichen Erklärung eines wundersamen Vorkommnisses nicht als gleich als eine Ablehnung des Glaubens an Wunder.

Wir alle haben für die Heilung von Kranken gebetet. Einige wurden auf wundersame Weise sofort geheilt, während andere auf natürliche Weise allmählich genesen sind. In den Fällen, wo es sich um wundersame Heilungen handelte, hing es nicht davon ab, wer oder wie viele gebetet hatten. Der Apostel Paulus wurde nicht von seinem „Dorn im Fleisch“ geheilt, obwohl er drei Mal dafür gebetet hatte. Worauf es mir ankommt, ist Folgendes: Wenn wir um ein Wunder der Heilung beten, dann überlassen wir es in unserem Glauben der Entscheidung Gottes, ob und wann und wie er heilen wird. Wir vertrauen auf ihn, dass er tun wird, was das Beste für uns ist, weil wir wissen, dass er in seiner Weisheit und Güte Faktoren berücksichtigt, die wir nicht erkennen können.

Durch das Gebet um Heilung für eine kranke Person zeigen wir einen der Wege auf, wie wir Liebe und Mitgefühl gegenüber Notleidenden zeigen, und verbinden uns mit Jesus in seiner treuen Fürsprache als unser Mittler und Hohepriester. Manche haben die Anweisung in Jakobus 5,14 falsch verstanden, was sie zögern lässt, für eine kranke Person zu beten, in der Annahme, dass nur Älteste der Gemeinde autorisiert seien dies zu tun, oder dass das Gebet eines Ältesten irgendwie wirksamer sei als die Gebete von Freunden oder Angehörigen. Anscheinend hat Jakobus beabsichtigt, dass durch seine Anweisung an die Gemeindemitglieder, die Ältesten zur Salbung der Kranken zu rufen, deutlich wird, dass Älteste als Diener der Menschen (nicht als Herren über sie) sich für Notleidende einsetzen müssen. Bibelgelehrte sehen in der Anweisung des Apostels Jakobus eine Bezugnahme auf Jesu Aussendung der Jünger in Zweiergruppen (Mk 6,7), diese „trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und machten sie gesund“ (Mk 6,13). [1]

Wenn wir um Heilung beten, darf man nicht denken, dass es unsere Aufgabe wäre, Gott irgendwie zu überzeugen (oder anderweitig zu bewegen) nach seiner Gnade zu handeln. Gottes Güte ist immer eine großzügige Gabe! Wozu dann noch beten? Durch das Gebet haben wir teil an Gottes Wirken im Leben anderer Menschen, wie auch in unserem Leben, da Gott uns darauf vorbereitet, was er entsprechend seinem Mitgefühl und seiner Weisheit tun wird.

Lassen Sie mich einen Hinweis zur Rücksichtnahme geben: Wenn eine Person Sie um Gebetsunterstützung wegen eines Gesundheitsproblems bittet und wünscht, dass es vertraulich bleiben soll, dann sollte diesem Wunsch stets entsprochen werden. Man sollte niemanden zur Annahme verleiten, dass die „Chancen“ auf eine Heilung sich irgendwie proportional zur Anzahl der Menschen, die dafür beten, verhält. Eine solche Annahme stammt nicht aus der Bibel, sondern aus einer magischen Denkweise.

Bei allen Überlegungen über Heilungen müssen wir uns vergegenwärtigen, dass Gott derjenige ist, der heilt. Manchmal heilt er durch ein Wunder und das andere Mal heilt er auf natürliche Weise, die bereits in seiner Schöpfung enthalten ist. Auf welche Weise auch immer, alle Ehre gebührt ihm. In Philipper 2,27 dankt der Apostel Paulus Gott für sein Erbarmen gegenüber seinem Freund und Mitarbeiter Epaphroditus, der todkrank war, bevor Gott ihn heilte. Paulus erwähnt nichts von einem Heilungsgottesdienst oder einer mit besonderer Vollmacht ausgestatteten speziellen Person (sich einbezogen). Stattdessen preist Paulus einfach Gott für die Heilung seines Freundes. Das ist ein gutes Beispiel, dem wir folgen sollten.

Aufgrund des Wunders, dessen Zeuge ich sein durfte, und eines anderen, von dem ich durch andere erfahren habe, bin ich überzeugt, dass Gott auch gegenwärtig noch heilt. Wenn wir krank sind, haben wir die Freiheit in Christus, jemanden zu bitten, für uns zu beten und auch die Ältesten unserer Gemeinde zu rufen, uns mit Öl zu salben sowie für unsere Heilung zu beten. Daraufhin ist es unsere Verantwortung und unser Privileg für andere zu beten, wobei wir Gott bitten, dass er – wenn es sein Wille ist – diejenigen unter uns heile, die krank sind und leiden. Was immer der Fall ist, wir vertrauen auf Gottes Antwort und seine Zeitplanung.


[1] Obwohl wir das Salben von Kranken mit Öl praktizieren, betrachten wir diese Praxis nicht als eine Aufforderung zum Gehorsam oder als ein Gebot (wie es bei den Sakramenten Taufe und Abendmahl der Fall ist). Weitere Informationen über die Krankensalbung und unser Verständnis der in Jakobus 5,14 aufgeführten Anweisungen können Sie in unseren Artikeln „Die Krankensalbung“ und „Was ist aus den Wundern geworden?“ auf unserer Webseite nachlesen.


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